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Essay · Design & KI

Der süße Sog des Mittelmaßes

Warum generative KI nicht homogenisiert — sondern enteignet

Der bequeme Vorwurf

Es gibt einen Satz, den man inzwischen auf jeder zweiten Designkonferenz hört: KI homogenisiert das Design. Er wird genickt und beklatscht. Doch so, wie er dasteht, ist er falsch.

Er ist falsch, weil Homogenisierung kein Kind der KI ist. Sie ist Jahrzehnte älter. Der International Style hat die Welt mit serifenloser Sachlichkeit überzogen, lange bevor irgendein Modell trainiert wurde; Helvetica klebt auf allem; Material Design und die Human Interface Guidelines sind die stillen Defaults geworden, an denen sich halbe Kontinente ausrichten. Dann kam der flache, freundliche SaaS-Look, der heute jede Landingpage von Lagos bis Lissabon gleich aussehen lässt — das McDonald’s-Patty unter den Interfaces, süß und umami-optimiert, gemacht, um überall zu schmecken und nirgends zu sättigen. Die gestalterische Angleichung war längst da. Sie hatte nur kein Rechenzentrum.

Und er ist falsch, weil er kulturelle Situiertheit für einen Defekt hält. Ich bin ein deutscher Designer. Ich gestalte vermutlich nie eine japanische App, ich bewege mich, ob ich will oder nicht, in meinem kulturellen Rahmen — und das ist keine Schwäche, das ist die Bedingung dafür, dass meine Arbeit überhaupt von irgendwoher kommt. Auf der Ebene des Einzelnen gibt es nur den je eigenen, spezifischen Standpunkt. Auf der Ebene der Bevölkerung ist genau das Vielfalt: tausend Designer:innen, die je aus ihrem eigenen Rahmen heraus arbeiten. Die Vorstellung, der Mensch sei der Hort der Diversität und die Maschine ihr Zerstörer, ist eine Schmeichelei, die wir uns nicht verdient haben.

Der bequeme Vorwurf trägt also nicht. Aber er löst das Problem auch nicht auf — er verschiebt es vielmehr an die Stelle, an der es interessant wird: Der Unterschied zwischen menschlichem Kulturaustausch und maschineller Homogenisierung liegt nicht darin, ob Einfluss fließt. Einfluss floss immer. Er liegt darin, wie er fließt.

Luftaufnahme eines Autobahnkreuzes, das durch ein Loch in einer geschlossenen Wolkendecke sichtbar wird — die gebaute Infrastruktur, von oben, isoliert.
Aus dem wechselseitigen Austausch ist eine Autobahn geworden — vielspurig, in eine Richtung.

Menschlicher Austausch ist gemeinhin langsam, und er ist wechselseitig. Als der Westen im 19. Jahrhundert über die japanische Holzschnittkunst stolperte, entstand daraus der Japonismus: Monet, van Gogh, der gesamte Jugendstil saugten Ukiyo-e auf. Jahrzehnte später lief es zurück — japanische Gestalter borgten westliche Formen und verwoben sie mit eigenen, und ein junger Zeichner namens Osamu Tezuka sollte aus dieser Mischung später etwas ganz Eigenes machen. Jeder dieser Grenzübertritte kostete Arbeit: Eine Form, die in eine fremde Kultur wandert, muss übersetzt, missverstanden, angeeignet werden — und genau diese Mühe verändert sie. Die Trainingsdaten der großen Modelle kennen diese Reziprozität nicht. Der Gradient ist einseitig und steil. Das Modell entlehnt nicht von den Rändern, um sie ins Zentrum zu tragen und das Zentrum dabei zu verändern — es zieht alles sogartig zum Zentrum. Aus dem Austausch ist eine Autobahn geworden: vielspurig, schnell, in eine einzige Richtung, ohne Ausfahrt zurück.

Die Reibung war nie der Preis dieser Aneignung. Sie war ihr Motor.

Die großen Augen

Wie viel auf dieser Autobahn verloren geht, sieht man am besten an einem Umweg, den viele nehmen und kaum jemand zu Ende fährt. Tezuka, der spätere „Gott des Manga“, sah Disneys Bambi über achtzig Mal — aber die großen, funkelnden Augen seiner Figuren stammen nicht allein von dort.

Japanese Cinema, around 1940
Zwei Wurzeln derselben Augen — hier das westliche Kino (Tezuka sah Bambi über achtzig Mal)

Ebenso prägend war die Takarazuka-Revue, das reine Frauen-Musiktheater seiner Heimatstadt, mit den großgeschminkten Augen ihrer Darstellerinnen. Schon Tezukas Quelle war also eine Mischung, halb westlich, halb japanisch. Wer hier zu früh die Ausfahrt nimmt, bastelt sich trotzdem schnell eine Pointe: Seht her, ein westliches Schönheitsideal schwappt in eine fremde Kultur, Anime-Figuren „sehen weiß aus“, die Maschine setzt nur fort, was Disney begann.

Artist Takarazuka-Revue, around 1940
Die andere, japanische Wurzel der großen Augen: die Takarazuka-Revue, deren Darstellerinnen ihre Augen für die Bühne dramatisch betonten. Schon das vermeintlich „westliche“ Anime-Auge war eine Mischung — echte kulturelle Form beginnt nie bei einem reinen Original. Synthetische Darstellung.

Diese Pointe ist genau falsch — und sie ist es auf eine lehrreiche Weise.

Was nach Tezuka geschah, war nämlich keine Übernahme, sondern eine Verstoffwechslung. Über Jahrzehnte wurden die großen Augen zu einer genuin japanischen Bildsprache: zur Apertur der Emotion, zum Fenster zur Seele, zur Konvention, dass die emotional zentrale Figur die detailliertesten Augen trägt. Aus einem entlehnten Motiv wurde ein eigenes Vokabular — eines, das es so im Westen nie gab und das heute auf alles zurückwirkt, von westlicher Animation bis Werbegrafik. Und die Behauptung, diese Figuren „sähen weiß aus“, ist selbst der Reflex, den sie zu kritisieren vorgibt. Die Anime-Theorie kennt dafür den Begriff mukokuseki, Staatenlosigkeit — das bewusste Weglassen ethnischer Marker. Japanische Zuschauer:innen lesen diese Gesichter nicht als westlich, sondern als Standardmensch, also als japanisch. Dass ein westlicher Blick darin Weißsein erkennt, sagt mehr über die Voreinstellung des Blicks: Er hält Weißsein für den unmarkierten Normalfall und alles andere für eine Abweichung, die man eigens kenntlich machen müsste. Das „sieht weiß aus“ ist die Projektion, nicht der Befund.

Artist Takarazuka-Revue, around 1940
Die andere, japanische Wurzel der großen Augen: die Takarazuka-Revue, deren Darstellerinnen ihre Augen für die Bühne dramatisch betonten. Schon das vermeintlich „westliche“ Anime-Auge war eine Mischung — echte kulturelle Form beginnt nie bei einem reinen Original. Synthetische Darstellung.

Das Beispiel zeigt also nicht, was wir gern hätten. Es zeigt etwas Besseres: den vollständigen Vorgang echter Aneignung. Entlehnen — verstoffwechseln — re-lokalisieren. Bewusst, weil Tezuka seine Quelle offen nannte. Reziprok, weil der Japonismus vorausgegangen war. Transformativ, weil das Motiv zu etwas Neuem, Eigenem wurde. Und genau diesen mittleren Schritt schneidet die Maschine heraus. Eine Designerin in Kyoto tippt „clean, modern app“, und das Modell liefert den statistischen Default sofort als Output. Ich, in Berlin, tippe dasselbe und bekomme denselben Default — der ebenso wenig mein Bauhaus ist wie ihr Kyoto. Keine Aneignung, keine langsame Re-Lokalisierung, kein Eigenes, bei keinem von uns. Nur trifft es sie härter als mich, weil ihr Abstand zum Mittel größer ist als meiner. Die Reibung, die aus diesen entlehnten Augen eine eigenständige japanische Bildsprache machte — die Zeit, die Arbeit, die menschliche Interpretation —, ist exakt das, was wegoptimiert wird. Die Reibung war nie der Preis dieser Aneignung. Sie war ihr Motor.

Eine Frage der Distanz

Diese Reibung verschwindet allerdings nicht gleichmäßig. Für den menschlichen Gestalter ist der eigene Kulturrahmen der Default: Der Weg des geringsten Widerstands führt zu situierter Arbeit. Bei der KI kippt diese Polarität. Der Weg des geringsten Widerstands führt zum Default des Korpus — und der ist für jemanden außerhalb des Datenzentrums jemandes anderen Rahmen. Beim eigenen Frame zu bleiben wird zur Anstrengung, das Abdriften zum Mittel wird mühelos. Für mich als deutschen Designer ist das eine milde Verflachung; für eine Designerin weiter draußen ist es Verdrängung. Homogenisierung trifft also nicht alle gleich — sie ist eine Funktion der Distanz zum Datenzentrum, und je weiter du entfernt bist, desto mehr Energie kostet es dich, du selbst zu bleiben. Erste Befunde stützen das: Agarwal, Naaman und Vashistha (2025) zeigen, dass KI-Vorschläge das Schreiben in Richtung westlicher Stile homogenisieren und kulturelle Nuancen abschleifen1; das Arbeitspapier Interrogating Design Homogenization in Web Vibe Coding beschreibt für die Gestaltung dieselbe Konvergenz — und schlägt als Gegenmittel ausgerechnet »productive friction« vor, denselben Gedanken, den ich an anderer Stelle als positive Reibung beschrieben habe, von der anderen Seite her gefunden.2

Solche Studien messen das Abdriften. Schlimmer ist, dass man es im Moment des Gestaltens nicht bemerkt. Tezuka wusste, dass er borgte; Aneignung war ein bewusster Akt. Wer dagegen „neutral, sauber, modern“ in ein Modell tippt, sieht meist gar nicht, dass das kulturell geladene Begriffe sind. Das Modell präsentiert seinen Default nicht als einen Stil unter vielen, sondern als die Abwesenheit von Stil, als das Selbstverständliche, das einfach Richtige. Der gefährlichste Default ist der, der sich nicht als Default zu erkennen gibt — denn gegen etwas, das man für selbstverständlich hält, tritt man gar nicht erst an.

Dann nimm halt ein näheres Modell

An dieser Stelle kommt der naheliegende Einwand, und er ist gut. Es gibt längst nicht mehr nur Kalifornien, das Silicon Valley. Da ist DeepSeek, chinesisch, Anfang 2025 mit lautem Knall angetreten; da ist Mistral, französisch, europäisch, klein, aber respektabel; dazu Qwen, Yi und andere. Wer Kalifornien fürchtet, kann ein Modell wählen, dessen Schwerpunkt woanders liegt — Modellwahl als Akt kultureller Selbstbehauptung. Die Logik ist dabei dieselbe, ob ein Modell Text, Code oder Pixel ausspuckt: Jedes sinkt zum Mittel dessen, womit es trainiert wurde.

Das ist real und wichtig. Aber sieh genau hin, was dabei passiert: Die Multipolarität löst die Homogenisierung nicht auf, sie vervielfacht die Zentren. Aus einer Monokultur werden mehrere Oligo-Kulturen, jedes Modell zieht zum Mittel seines eigenen Korpus. Für diejenigen, die von allen verfügbaren Zentren weit entfernt sind, ändert sich nichts — sie haben nur die Wahl, zu welchem fremden Mittel sie gezogen werden. Und hier zerbricht das ganze West-gegen-Nicht-West-Schema: China und Japan sind kulturell ungefähr so weit voneinander entfernt wie China und die USA. Ein chinesisches Modell ist für japanische Designer:innen nicht näher. „Nicht-westlich“ ist kein Ort. Diese Binarität ist selbst die westliche Projektion — derselbe Fehler wie „Anime-Figuren sehen weiß aus“, nur eine Etage höher. Die wahre Achse heißt nicht West gegen Rest, sondern: Distanz zu dem Zentrum, das dieses konkrete Modell kodiert. Und diese Achse legt eine unbequeme Landkarte offen — wer sich überhaupt ein eigenes Zentrum leisten konnte. Ich habe mit Mistral ein europäisches Modell in Reichweite; Japan hat mit Staatsförderung eigene große Modelle hervorgebracht, Rakutens 700-Milliarden-Parameter-Modell etwa, oder Sakana AI. Die allermeisten Sprachen und Kulturen haben gar kein eigenes großes Modell.

Und selbst der vermeintliche Heimathafen ist halb Illusion. Nicht, weil jedes Modell heimlich »kalifornisch« wäre — DeepSeek und Qwen tragen gewaltige chinesischsprachige Korpora, prompte sie auf Chinesisch, und sie driften chinesisch. Sondern weil im Pretraining ein anglophoner Gravitationsboden liegt: Das offene Netz ist englischdominiert, grob die Hälfte von Common Crawl ist Englisch, und jedes Frontier-Modell erbt diesen Boden.3 Wer auf Englisch promptet, sinkt auf ihn zurück, egal wo die Firma sitzt. Japans größtes Modell etwa, von Rakuten als nationaler Meilenstein gefeiert, war erklärtermaßen auf den besten offenen Modellen der Community aufgebaut — und entpuppte sich Stunden nach dem Launch als fein-getuntes chinesisches DeepSeek V3, kenntlich an Architektur und Parameterzahl in der öffentlichen Konfigurationsdatei. Das vermeintlich Eigene war doppelt geliehen: ein chinesisches Modell als Unterbau, das selbst auf dem englischsprachigen Netz ruht.4 (Die genauen Korpusanteile sind kaum publiziert; ich formuliere das als begründete Strukturannahme, nicht als belegte Quote.) Für visuelle Defaults ist die Schieflage sogar krasser als für Sprache. Sprache verteilt sich wenigstens auf amerikanisches, britisches, indisches, nigerianisches Englisch, tausend Register, you name it. Das visuelle Referenzmaterial dagegen ist nachweislich schief: LAION-5B, der größte offene Bild-Text-Datensatz, enthält rund achtzehnmal mehr westliche Kulturbezüge als afrikanische oder asiatische5, und das Ästhetik-Modell, das daraus die »schönen« Bilder herausfiltert, bewertet westliche Motive am höchsten.6 Modelle, die darauf trainieren, fallen bei nicht-westlichen Prompts messbar ab und verwechseln, was sie kaum kennen — eine japanische Teezeremonie wird in einem Drittel der Fälle als »chinesisch« etikettiert.5 Fürs reine Interface-Design fehlt vergleichbare Forschung, aber die Logik ist dieselbe: Dribbble, Behance, die großen Component-Libraries, aus denen sich »so sieht modern aus« speist, sind überwältigend US-tech-kommerziell. Ein chinesisches Modell mag ein chinesisches Sprachgewissen haben; sein Interface-Default ist trotzdem der globale SaaS-Look.

Mehrere Sprachzentren, ein Ästhetikzentrum. LAION-5B enthält rund achtzehnmal mehr westliche Kulturbezüge als afrikanische oder asiatische. Das visuelle Interface-Referenzmaterial — Dribbble, Behance, die großen Component-Libraries — ist überwältigend US-tech-kommerziell. Ein chinesisches Modell mag ein chinesisches Sprachgewissen haben; sein Interface-Default ist trotzdem der globale SaaS-Look. Mehrere Sprachzentren schaffen noch keine Vielfalt der Ästhetiken.

Es ist nicht die Seele Kaliforniens. Es ist die Benutzeroberfläche des Kapitals.

Entgegen jedem »Californication«-Lamento: Was an der Peripherie wie das Überstülpen einer fremden, westlichen Kultur ankommt, ist bei näherer Hinsicht gar keine. Denn was sich durchsetzt, ist nicht kalifornische Kultur, nicht einmal westliche. Das Bauhaus ist westlich — und wird genauso plattgewalzt. Die Ulmer Strenge, die typografische Disziplin, DIN, das ganze deutsche Erbe, auf das ich mich gern berufe: alles wird zum generischen Global-SaaS-Mittel hin abgeschliffen, das nicht einmal authentisch deutsch oder amerikanisch ist. Und es kappt beide Enden des Spektrums: Mit der Strenge verschwindet auch ihr lauter Gegenpol — die laute Geste, die es ernst meint, der gezielte Ausreißer. Das Mittel frisst die Struktur und die Geste gleichermaßen.

Das, was als Default überlebt, ist ein entwurzeltes, postnationales Handelsvokabular — der Flughafen-Look, das internationale Tech-Vernacular, der generische Produkt-Mittelwert. Es ist nicht Kaliforniens Seele. Es ist die Benutzeroberfläche des Kapitals, die zufällig in Kalifornien auskristallisiert ist.

Hokusais „Große Welle
Distinkte Herkünfte branden in dieselbe ortlose Halle. Was als Default überlebt, ist keine Kultur, sondern die Benutzeroberfläche des Kapitals.

Und das ist die schärfere Anklage, nicht die mildere. Eine fremde Kultur könnte man entlehnen und übersetzen, so wie Japan es mit den entlehnten Augen tat — aus einem fremden Ort lässt sich etwas Eigenes machen. Aus dem entkernten Handelsmittelwert nicht. Er hat nichts, woraus man etwas formen könnte. Er ist die Abwesenheit von Ort, getarnt als Neutralität, und Abwesenheit kann man nicht aneignen. Man kann sie nur übernehmen oder verweigern. Deshalb bin auch ich nicht sicher. Ich stehe nicht außerhalb dieser Geschichte, als beträfe der Sog nur Gestalter:innen in Tokio oder Lagos und nicht mich. Ich stehe in derselben Strömung, nur etwas näher am Ufer. Und vielleicht ist dieses Ufer näher am Zentrum, als mir lieb ist: Die HfG Ulm, auf deren Strenge ich mich so gern berufe, wurde zu Beginn der 1950er Jahre mit einer Million Mark aus einem amerikanischen Reeducation-Fonds gebaut — ein College-Campus nach US-Vorbild, finanziert, um Westdeutschland zu demokratisieren.7 War meine »eigene« Moderne vielleicht von Anfang an ein Import aus der Nähe des Zentrums?

Und es kommt etwas hinzu, das die Anklage nicht milder macht, sondern unbequemer: Dieser Mittelwert wird nicht nur von oben aufgedrückt, er wird auch von unten gewählt. Wenn das Handelsvokabular überhaupt eine Gemeinschaft hat, dann nicht die einer Nation, sondern die der Konsumklasse — zwei Apple-Besitzer in Tokio und Berlin teilen mehr (Geschmack, Werkzeuge, Erwartungen) als jeder von ihnen mit der Nachbarin teilt, die sich das nicht leistet. Bei einer IKEA-Lampe geht es den meisten ums Licht, nicht um Designgeschichte; die saubere App gewinnt, weil sie Menschen dient, die eine Aufgabe erledigen wollen, nicht ihr Erbe pflegen. Das ist kein Komplott, sondern ein ehrliches Bedürfnis — und genau das macht den Sog so schwer zu verweigern. Auf der Ebene des einzelnen Produkts ist das völlig in Ordnung: Das Spesentool braucht keine Seele, das zehnte B2B-Dashboard auch nicht. Zur Enteignung wird es erst auf der Ebene der Aggregation — wenn alles zum selben Default sinkt und der Mittelwert nicht mehr eine Wahl unter vielen ist, sondern die einzige, die sich noch mühelos treffen lässt. Man wird nicht gegen seinen Willen enteignet, sondern mit ihm. Es schmeckt ja süß.

Bleibt die Demut, ohne die der ganze Text Kulturpessimismus wäre. Nichts davon ist ein Naturgesetz der KI. Es ist eine Eigenschaft heutiger Korpora und heutiger Marktstruktur. Ein bewusst kuratiertes, dichtes, mehrsprachiges, de-zentriertes Designkorpus würde den Attraktor verschieben — dasselbe Werkzeug, das heute homogenisiert, könnte morgen den Zugang zu nicht-westlichen Referenzen demokratisieren. Die Autobahn ist gebaut. Sie ist kein Gelände. Und alles, was gebaut wurde, lässt sich anders bauen. Das legt die Verantwortung dorthin zurück, wo sie hingehört: zu denen, die die Daten kuratieren, und zu uns, die wir die Werkzeuge benutzen.

Eine moderne Autobahn auf Stelzen verläuft direkt über den freigelegten Ruinen Pompejis — antike Säulen und Straßen darunter, der Vesuv im Hintergrund.
Und das ist der Preis: Die Achse zerstört nicht, was darunterliegt — sie baut darüber, bis man es nicht mehr sieht. Aber alles, was gebaut wurde, lässt sich anders bauen.

Was bedeutet das praktisch? Dass wir aufhören müssen, Reibung für Ineffizienz zu halten. Die Lernpsychologie kennt seit Langem die desirable difficulties (Bjork & Bjork)8: Friktionslosigkeit erzeugt eine Illusion von Kompetenz — gefühlte Geläufigkeit ohne echte Verankerung. Übertragen auf die Gestaltung heißt das: Das mühelose erste Ergebnis ist nicht das gute Ergebnis, es ist das durchschnittliche. Aber warten wir nicht auf das ethisch geläuterte Werkzeug, das uns das abnimmt. Die Reibung, die zählt, ist zuerst eine Haltung: dem mühelosen ersten Output zu misstrauen, die kulturellen Defaults darin zu erkennen, den Mittelwert zu verweigern — bevor irgendein Tool uns dazu zwingt. Das ist unsere Aufgabe als Gestalter:innen, und es ist das, was wir der nächsten Generation beibringen müssen: nicht das Bedienen der Modelle, sondern das Misstrauen gegen ihre Geläufigkeit. Gute Werkzeuge können dabei helfen — kulturelle Defaults sichtbar machen, zur Herausforderung des ersten Entwurfs auffordern, die Verstoffwechslung wieder erschweren, nicht als Schikane, sondern weil sie der Ort ist, an dem Kultur überhaupt entsteht. Aber sie helfen als Verstärker unseres Urteils, nicht als sein Ersatz. Denn was enteignet, lässt sich nur durch das bändigen, was keine Maschine besitzt: kritisches Denken, im besten Fall verstärkt durch eine KI, die ethisch gebaut ist.

Die KI homogenisiert das Design nicht. Sie entfernt die Reibung, die Reziprozität und die Sichtbarkeit, die kulturelle Verstoffwechslung erst möglich machten — und ersetzt den langsamen, wechselseitigen Austausch durch einen einseitigen, sofortigen, süßen Sog zu einem Mittelwert, der sich als Neutralität ausgibt. Mehrere Zentren sind nicht keine Zentren. Und wer keines hat, zahlt am meisten.

Die Reibung war kein Bug. Sie war das Verfahren. Wir sollten sehr genau überlegen, bevor wir sie endgültig wegoptimieren.

Anmerkungen

  • 1 Agarwal, Dhruv / Naaman, Mor / Vashistha, Aditya: „AI Suggestions Homogenize Writing Toward Western Styles and Diminish Cultural Nuances.“ In: Proceedings of the 2025 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI ’25). New York: ACM, 2025. arXiv:2409.11360.
  • 2 Shin, Donghoon et al.: „Interrogating Design Homogenization in Web Vibe Coding.“ arXiv:2603.13036, University of Washington / Microsoft Research, 2026.
  • 3 Schuhmann, Christoph et al.: „LAION-5B: An Open Large-Scale Dataset for Training Next Generation Image-Text Models.“ In: Advances in Neural Information Processing Systems 35 (NeurIPS Datasets and Benchmarks Track), 2022. arXiv:2210.08402. — Dokumentiert die Englisch-Dominanz offener Web-Korpora (2,3 von 5,85 Mrd. Bild-Text-Paaren in Englisch); vgl. auch die Sprachstatistiken der Common Crawl Foundation.
  • 4 Rakuten Group, Inc.: „Rakuten Unveils Japan’s Largest High-Performance AI Model, Developed as Part of the GENIAC Project.“ Pressemitteilung, Tokio, 18.12.2025 (Open-Weight-Release: 17.03.2026). — Rakuten AI 3.0, ein MoE-Modell mit rund 700 Mrd. Parametern, „developed by leveraging the best models from the open source community“. Kurz nach dem Release wies die öffentliche Konfigurationsdatei auf Hugging Face die Architektur „DeepseekV3ForCausalLM“ und eine Parameterzahl (≈ 671 Mrd.) entsprechend DeepSeek V3 aus; vgl. die öffentliche Diskussion, BigGo Finance, 18.03.2026.
  • 5 Said, Muna Numan et al.: „Deconstructing Bias: A Multifaceted Framework for Diagnosing Cultural and Compositional Inequities in Text-to-Image Generative Models.“ ICLR 2025 Workshop on Synthetic Data & Data Access Problem, 2025. arXiv:2505.01430. — Zur rund achtzehnfachen Überrepräsentation westlicher gegenüber afrikanischen/asiatischen Kulturbezügen in LAION-5B sowie zur Fehlklassifikation einer japanischen Teezeremonie als „chinesisch“ in etwa einem Drittel der Fälle.
  • 6 Taylor, Jordan et al.: „The Algorithmic Gaze of Image Quality Assessment: An Audit and Trace Ethnography of the LAION-Aesthetics Predictor.“ arXiv:2601.09896, 2026. — Das zur Datensatz-Kuration verbreitete Ästhetik-Modell (LAION-Aesthetics Predictor) bewertet realistische Motive westlicher (und japanischer) Herkunft am höchsten und reproduziert den „male gaze“ der westlichen Kunstgeschichte.
  • 7 Spitz, René: hfg ulm: der blick hinter den vordergrund. Die politische Geschichte der Hochschule für Gestaltung 1953–1968. Stuttgart/London: Edition Axel Menges, 2002. — Zur Finanzierung des HfG-Neubaus aus US-amerikanischen Reeducation-Mitteln (McCloy-Fonds, rund eine Million DM) und zum Campus-Konzept nach US-Vorbild.
  • 8 Bjork, Elizabeth L. / Bjork, Robert A.: „Making Things Hard on Yourself, But in a Good Way: Creating Desirable Difficulties to Enhance Learning.“ In: Gernsbacher, Morton A. et al. (Hrsg.): Psychology and the Real World: Essays Illustrating Fundamental Contributions to Society. New York: Worth Publishers, 2011, S. 56–64.
Zur Entstehung. Dieser Essay entstand in der Praxis, für die er argumentiert: kritische Zusammenarbeit, das Urteil beim Menschen. Erarbeitet im Dialog mit Claude Opus 4.8 (Anthropic) — als Sparringspartner, nicht als Antwortautomat. Die Gegenthesen formulierte ich selbst, teils mit Gemini 3.5 gegengelesen. Die Apple-und-IKEA-Wendung stammt von Jörgen Erkius, Künstler, Denker und Poet. Jede Tatsachenbehauptung wurde belegt, nicht übernommen; mehrere zugespitzte, aber unhaltbare Formulierungen scheiterten daran — ebenso ein gemeinfreier Cartoon und ein Disney-Vergleich, die rechtlich nicht trugen. Die Bilder entstanden mit ChatGPT 5.5 und Gemini 3.5. Das Werkzeug beschleunigte. Entschieden, verworfen und verantwortet habe ich.
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